Hoch hinaus

„Im Mai-Regen wächst man“ habe ich als Kind gelernt. Umso lieber bin ich damals im Regen vor die Tür, schließlich wollte ich groß werden. Und auch deshalb, weil es meist schon ein angenehm warmer Regen und die Luft von all den Düften im Garten gesättigt war. Was für ein Genuss! Der Mai ist nach dem langen Winter endlich wieder ein über und über sinnlicher Monat: Wir riechen die Blüten von Fliederbüschen, schmecken das erste Gemüse aus dem Garten, hören die Vögel um die Wette zwitschern und dank wärmerer Temperaturen müssen wir uns nicht mehr so dick anziehen, wodurch wir wieder mehr die Berührung von Wind, Regen und Sonne auf unserer Haut spüren.
Alles scheint nun lebensfroher zu sein und endlich wieder richtig aufzuleben – der Frühling belebt auch uns Menschen jedes Jahr aufs Neue. In diese Zeit hinein fällt das Pfingstfest, bei dem wir uns daran erinnern, wie die ängstlichen Jüngerinnen und Jünger Jesu nach seinem Tod plötzlich voller Mut und Zuversicht auf die Straßen gegangen sind. Sie haben ihre Erstarrung gelöst, Denkmuster durchbrochen und sich innerlich wie äußerlich in Bewegung gesetzt; sind aus sich heraus gegangen. Der Geist Gottes hat sie ergriffen, wie wir in der Bibel lesen können.
Wie Pflanzen jedes Jahr im Frühjahr neu sprießen und von kleinen Samenkörnern scheinbar über sich hinauswachsen, so können auch wir Menschen es versuchen. Nach Rückschlägen, Durststrecken und Frost können auch wir wieder neue Wurzeln schlagen und uns gen Himmel strecken. Dazu braucht es unter anderem Wärme und einen festen Grund – beides ist zu finden in anderen Menschen oder im Glauben oder... . Die christliche Gewissheit jedenfalls bleibt, dass Gottes Geist für Aufbruch, Hoffnung und Leben steht. Nicht nur im Frühling. Nicht nur an Pfingsten. Jeden Tag. Immer. Worauf warten wir dann noch?
Susanne Lindner, Pastoralreferentin