Mit der Expertin im Gespräch

Hell und golden fällt die tiefstehende Oktobersonne durch die hohen Fenster der Klosterkirche Banz. Es ist ein kühler Dienstagmorgen, doch der Raum ist erfüllt von Wärme – nicht durch Heizstrahler, sondern durch die Begeisterung der Frau, die hier im frisch restaurierten Chorgestühl steht. Diplomrestauratorin Anja Fuchs erzählt mit so viel Leidenschaft und Fachwissen von ihrer Arbeit, dass man sofort spürt: Dieses Kunstwerk ist für sie weit mehr als nur Holz und Handwerk.
Drei Jahre lang hat Anja Fuchs gemeinsam mit einem Team von Fachleuten mit Hingabe und Liebe zum Detail an der Restaurierung des rund 300 Jahre alten Chorgestühls gearbeitet. Anfang Oktober wurde das Projekt abgeschlossen – nun ist der barocke Schatz endlich wieder für die Öffentlichkeit zugänglich, im Rahmen von Führungen durch die ehemalige Benediktinerkirche.
„Mich haben Kirchenbesucher angesprochen, die das Chorgestühl zuletzt vor 40 oder 50 Jahren gesehen haben“, erzählt Fuchs. Umso größer sei die Freude, dass dieses Meisterwerk der Barockkunst nun wieder erlebbar sei.
Eine Verbindung über Jahrzehnte
Schon während ihres Studiums beschäftigte sich die aus dem Landkreis Bamberg stammende Restauratorin mit dem Chorgestühl. Nach einer Schreinerlehre und mehreren Jahren Tätigkeit im Bereich Möbelrestaurierung und im Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege studierte sie an der TU München Konservierung, Restaurierung und Kunstwissenschaft. Für ihre Diplomarbeit widmete sie sich eingehend dem Banz’schen Chorgestühl – und nun, rund zwei Jahrzehnte später, durfte sie sich ihm im Rahmen der aufwendigen Restaurierung erneut widmen.
„Es war wie eine Rückkehr“, sagt Fuchs. Wer mit ihr durch die kunstvoll gearbeiteten Bankreihen geht, bekommt einen lebendigen Eindruck von der Arbeit des Erbauers Johann Georg Neßtfell – einem wahren Meister seines Fachs.
Ein Kunstwerk aus Holz, Zinn, Elfenbein
Kupfer, Schildpatt, Horn, Zinn, Perlmutt, Elfenbein und edle Hölzer wie Birnbaum oder Mooreiche: Johann Georg Neßtfell verarbeitete eine Vielzahl edler Materialien, um detailreiche Szenen aus dem Leben des Heiligen Benedikt in kunstvollen Marketerien zu gestalten. Reich vergoldet, mit plastischen Blumen und filigranen Quasten geschmückt – das Chorgestühl beeindruckt durch barocke Pracht.
Fehler der Vergangenheit, Wissen von heute
In den 1950er-Jahren wurde das Chorgestühl bereits einmal restauriert – allerdings mit fragwürdigen Methoden. Die gesamte Gestühlsoberfläche wurde massiv geschliffen ohne Rücksicht auf Furnierbilder oder gravierte Materialien wie Elfenbein und Zinn. Dadurch wurden zum Beispiel gravierte Zinnbänder mit einer Stärke von etwa 3 mm fast halbiert. „Ein Ding der Unmöglichkeit“, betont Fuchs. Auch vor dem Auseinanderbauen der Konstruktion machte man damals nicht halt: „Die 1734 in Einzelteilen gefertigten Module des Chorgestühls wurden rabiat demontiert. Die Spuren davon sind noch heute sichtbar.“
Heutzutage ist Restaurierung Präzisionsarbeit: Eine mikroskopische Holzuntersuchung zeigte, dass Neßtfell mit verschiedenen Hölzern arbeitete – darunter Nuss, Birnbaum, Pappel, Eiche und Ebenholz. Um den historischen Oberflächen gerecht zu werden, wurden im Labor alte Lacke analysiert – Ergebnis: ein Öl-Harz-Gemisch. Doch dessen exakte Zusammensetzung? Fehlanzeige.
„Wir mussten verschiedene Mischverhältnisse ausprobieren, Harze wurden ausgekocht, und an Mustertafeln vor Ort aufgestrichen. In den Wintermonaten ruhte die Arbeit – zu kalt war es in der unbeheizten Kirche –, jedoch nicht für das Team, sondern für die verwendeten Materialien wie Glutinwarmleim oder Lackbestandteile, die unter 12 Grad Celsius nicht verarbeitet werden können.
Teamarbeit auf höchstem Niveau
Anja Fuchs arbeitete mit einem spezialisierten Team zusammen: Holzbildhauer Johann Emmerling rekonstruierte fehlende Quasten, Blumen und Schnitzapplikationen. Diplomrestaurator Stefan Demeter war vor allem zu Beginn an der Restaurierung der holzsichtigen Ausstattung beteiligt. Die barocken Vergoldungen restaurierten Diplomrestauratorin Carolin Roth und Katja Deen. Metallrestaurator Stefan Rudolf ergänzte sämtliche Bandeinlagen aus graviertem Zinn und schuf feinste Gravuren in den ergänzten Bereichen aus Horn und Elfenbein.
Was Anja Fuchs aus der Zeit am meisten mitnimmt? „Die Zusammenarbeit im Team – der fachliche Austausch, das gemeinsame Ringen um die beste Lösung. Ich habe in dieser Zeit so viel gelernt.“
Veranstaltungen rund um das restaurierte Chorgestühl
Führungen im Rahmen der Sonderausstellung: „Zeichen der Zeit – Die Konservierung und Restaurierung des Chorgestühls“
Die circa einstündigen Führungen geben vertiefte Einblicke in die Geschichte des Chorgestühls und die Restaurierungsmaßnahmen der letzten drei Jahre.
Wo: Museum der Hanns-Seidel-Stiftung
Wann: Samstag, 25. Oktober, um 15 Uhr (Weitere Termine siehe Homepage des Museum Kloster Banz https://www.hss.de/museum-kloster-banz
Eintritt: 7,00 Euro; Anmeldung an der Museumskasse
Gottesdienst im restaurierten Chorgestühl
Feierlicher Gottesdienst mit Pfarrvikar Markus Grasser „Old Church meets new Spirit“. „Wir freuen uns, das Gestühl nach der langen Restaurierung wieder der Öffentlichkeit zugänglich zu machen“, so Grasser.
Wann: Donnerstag, 23. Oktober, um 19 Uhr
Hinweis: Aufgrund begrenzter Plätze kann nicht garantiert werden, dass alle Besucher im Chorgestühl Platz finden.
Hintergrund zur Restaurierung
Die Restaurierung des Chorgestühls in der Klosterkirche Banz wurde vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege durchgeführt. Die Sonderausstellung im Museum Kloster Banz wurde durch die Hanns-Seidel-Stiftung / dem Museum Kloster Banz kuratiert. Finanziell unterstützt wurde die Restaurierung und die Sonderausstellung von der Messerschmitt Stiftung.